Sommer/fest im Ruhrgebiet

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Lecker Kaffee, Pflaumenkuchen und Windbeutel, Currywurst und Pilsken. All das gehört zum Sommer im Ruhrgebiet – und durfte natürlich auch nicht auf unserem Sommerfest 2017 fehlen. Eine Wanderung in Europas größter Haldenlandschaft bei Recklinghausen sorgte dafür, dass mit gutem Gewissen geschlemmt werden konnte – und buchstäblich im Vorbeigehen wurde noch jede Menge Architektonisches entdeckt.

Bereits der Treffpunkt beeindruckt: das Gelände der ehemaligen Zeche Ewald, zu aktiven Zeiten die tiefste Zeche Europas, mit einigen der alten Backsteingebäuden und zwei Fördertürmen. Anders als beispielsweise bei der Zeche Zollverein werden große Teile des Geländes heute wieder industriell genutzt, sodass wenig Bergbauromantik und viel durchwachsene Hallenarchitektur vorhanden ist. Die jetzt noch  verbliebenden Gebäude sollen aber erhalten und die Kulisse für eine Automobilausstellung mit Eventgastronomie werden. Auf den Rendering herrscht schon wieder strahlender Glanz. Doch noch wirkt alles etwas marode, als wir – 13 Frauen, 5 Männer, zwei Kinder und zwei Hunde – uns hier am 2.9.2017 um 12:30 Uhr treffen.

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Entlang eines kleinen künstlichen Bachlaufs verlassen wir das Gelände, um schon bald im Gründen zu sein. Ein einsamer Schwan wirkt wie engagiert: Seht her, die Natur ist echt. Doch das hätte es gar nicht gebraucht. Denn als wir nun zusammen mit unserem rüstigen Guide die Halde Hoppenbruch erklimmen, beeindruckt die üppige Vegetation, die ganz ohne menschliches Zutun auf dem Abraum wuchert. Goldruten und Wicken, Kiefern und Birken, Hagebutten und andere kleine Gehölze bieten Wildtieren nur wenige Jahre nach Abschluss der Schüttarbeiten einen Lebensraum.

Immer wieder machen wir an kleinen Aussichtsbalkonen halt und lassen den Blick über die Bebauung unter uns schweifen. Eine ehemalige Zechensiedlung ist gut an den einheitlichen Dächern zu erkennen. Früher lebten hier mehrere Familien und Kostgänger auf engstem Raum. Heute sind die Häuser sehr begehrt. Kurz bevor wir von der Halde Hoppenbruch zur Halde Hoheward wechseln, ragt ein stählernen Drachenkopf aus den Bäumen. Er gehört zur Drachenbrücke, deren filigrane Konstruktion sich 165 Meter weit spannt und die Halde für Fußgänger erschließt.

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Nach etwa zwei Stunden Fußmarsch kommen wir auf dem 152 Meter hohen Plateau der Zeche Hoheward an. Obelisk und Sonnenuhr passieren wir schnell, denn dahinter ragt das Horizont-Observatorium in den Himmel: zwei geneigte Stahlbögen, die rechtwinklig zueinanderstehen und sich an einem Punkt berühren. Von hier sollen sich alle möglichen Himmelsphänomene beobachten lassen. Spannender für uns ist allerdings der handfeste Bauskandal. Kurz nach der Eröffnung 2008 wurde in einem der Bögen ein Riss entdeckt. Seitdem ist das Observatorium geschlossen, zwei fragwürdige Fachwerkstützen sollen für Halt sorgen. Eigentlich ist der Riss schon lange wieder verschweißt. Das Problem: Solange man sich nicht über die Ursache einig ist, traut sich keiner die Verantwortung für die Freigabe zu übernehmen.

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Doch auch ohne Observatorium ist der Blick beeindruckend. Die Aussicht reicht vom Düsseldorfer Fernsehturm bis zum Dortmunder Florian – das gesamte Ruhrgebiet liegt uns zu Füßen. Auf der nördlichen Seite der Halde führt uns die Himmelstiege mit 529 Stufen wieder hinunter. Zum Glück liegt direkt am Fuß der Treppe ein Café, in dem wir bei gutem Wetter draußen Kaffee und Kuchen genießen können.

Gut gestärkt geht es dann ebenerdig um die Halde herum zurück zur Zeche. Unterwegs kommen wir noch an einem versperrten Tunneleingang vorbei. Er wurde für die Zechenbahn und zum Transport des Abraums genutzt. Erbaut wurde er als Betonröhre, die dann langsam in der Halde verschwand. Damit ist er einer der wenigen Tunnel weltweit, die vor dem Berg da waren. Zurück auf dem Zechengelände konnte, wer wollte, den Tag noch bei Currywurst und Bier ausklingen lassen. Er bot alles, was die ai auszeichnet: Austausch, Architektur und Anregung.

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